Dorn im Stil-Auge: Das Adverb “sehr” 

Es muss Stephen King, William Zinsser, William Strunk Jr. oder Wolf Schneider gewesen sein. Oder einer meiner sprachsensiblen Uni-Professoren. Sie haben mir die Stilgebote und -verbote eingepflanzt, die mich nicht mehr loslassen. Zum Glück, darf ich sagen. Was ich früher einfach schrieb und es ohne Überarbeitung stehen liess, tippen meine Finger heute gar nicht erst in die Tastatur. An einem Wort stelle ich das am deutlichsten fest: dem Adverb “sehr”. 

Bewusster und präziser schreiben

Beim Sprechen verwende ich “sehr” zweifellos noch. Das tut aber niemandem weh, weil es, kaum gesagt, schon wieder weg ist. Beim Schreiben sieht das anders aus. Wir können den Satz, in dem das Wort steht, mehrmals lesen, innehalten und uns fragen, ob es hier seine Berechtigung hat. 

Ich gebe gerne zu, dass ich von der Wissenschaftssprache geprägt bin. Schwammige Wörter, die Interpretationsspielraum zulassen, machen sich in Wissenschaftstexten nicht gut (z.B. oft, viel, selten oder eben sehr). Eine Ausnahme sind die Berichte des IPCC, in denen das Wort “very” präzise verwendet wird, um Vertrauensgrad und Wahrscheinlichkeiten auszudrücken (z.B. ein Ereignis ist in Zukunft “very likely”). 

Doch auch nicht-wissenschaftliche Texte, also gewöhnliche Sachtexte, lesen sich besser, wenn sie frei von vagen und vor allem unnötigen Wörtern sind. Ich hätte schreiben können: “wenn sie ganz frei von sehr vagen und vor allem oftmals unnötigen Wörtern sind”. Der Satz ist schwerfälliger und länger. 

Kein Verbot von Adverben, nur gute Gründe dafür und dagegen

Es geht mir nicht darum, Wörter wie das Adverb “sehr” zu verbieten. Gerade lese ich das Buch “Der Soldat – ein Nachruf” vom Stilprofi Wolf Schneider. Selbst er verwendet ab und zu “sehr”. Ich habe jedoch den Eindruck, dass er es gezielt einsetzt und gute Gründe hätte vorbringen können, warum das Adverb genau hier seinen Platz hat. 

In meinen Texten meide ich das Adverb. Ich wette, Sie finden in keinem meiner Texte, der nach 2013 erschienen ist, das Wort. Falls doch, bin ich Ihnen einen Kaffee pro Fundstelle schuldig. 

Ebenso bin ich erpicht darauf, meinen Klient*innen zu zeigen, weshalb das Adverb kaum jemals in ihren Texten stehen sollte. Bis jetzt hatte noch niemand ein stichhaltiges Gegenargument. 

Egal, ob Sie Wörter wie “sehr” mögen oder nicht, entscheidend scheint mir, dass wir uns beim Schreiben und – spätestens – beim Überarbeiten im Klaren sind, welche Wörter wir weshalb verwenden. Den Lesenden zuliebe. 

Selbsttest für Sie

Testen Sie selbst: Entfernen Sie Wörter aus einem Satz. Wenn sich die Satzaussage nicht verändert, braucht es die Wörter nicht. 

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