Schreiben heisst entscheiden: Entscheidungen, die Ihre Texte besser machen

Niemand mag herumwackelnde Texte. Damit meine ich solche, in denen wahllos und unkontrolliert Dinge geschrieben stehen, die ich als Leser nicht nachvollziehen kann. Weshalb steht dieser Abschnitt plötzlich in der Vergangenheitsform und nicht mehr im Präsens wie vorher? Wieso steht da “Sie”, wenn doch im vorletzten Satz noch “Du” stand? Beim Schreiben muss ich ständig kleine und grosse Entscheidungen treffen. Und ich muss grundsätzlich entscheiden, wie mein Text daherkommt. Nur wenn ich die Entscheidungen klar treffe, wird er von den Lesenden als eine Einheit wahrgenommen. 

Aus welcher Sicht schreibe ich? 

Alle Entscheidungen hängen vom Zielpublikum, der Kommunikationsabsicht, der Textsorte, dem Publikationsort und anderen Faktoren ab. Es gibt kein richtig und kein falsch; es geht darum zu entscheiden, was passt. 

Die Wahl der Perspektive fällt vielen Schreibenden schwer oder sie sind sich dieser nicht bewusst. Schreibe ich von meiner persönlichen Warte aus und brauche “ich”, “mein” und “mir”? Oder soll ich unpersönlich schreiben, indem ich vor allem Passivsätze bastle, hinter denen ich mich verstecken kann (z. B. mit “man”)? 

Die Wahl für eine Variante bedeutet nicht, dass ich nicht gezielt ebenso andere Perspektiven einnehmen kann. Wenn ich jedoch die Perspektive wechsle, muss das für die Lesenden nachvollziehbar sein. Wenn ich ständig wechsle und es dafür keinen Grund zu geben scheint, zeigt das, dass ich mich nicht grundsätzlich für eine Perspektive entschieden habe. Stattdessen fehlt meinem Text ein einheitlicher Standpunkt, von dem aus er geschrieben ist. 

Wie spreche ich die Lesenden an? 

Genauso verhält es sich mit der Art, wie ich die Lesenden anspreche. Auch hier gibt es Varianten: ich spreche die Lesenden nicht an; ich spreche Sie mit “Sie” oder “Du” an; ich spreche sie an, indem ich sie mit ins Boot hole (“uns”, “wir”). Egal welche Variante ich wähle und mit einer anderen kombiniere, die Lesenden sollen nicht das Gefühl kriegen, ich müsste nicht, was ich tue. 

In welcher Zeitform schreibe ich? 

Angenommen, ich erzähle im Text von einem Erlebnis, um mein Thema zu veranschaulichen. Ich kann mich dafür entscheiden, es in der Gegenwartsform zu erzählen. Dadurch soll der Eindruck bei den Lesenden entstehen, sie seien mit dabei. Ich kann mich aber auch für die Vergangenheitsform entscheiden. Vielleicht ist das sogar die bessere Variante, weil es so zeitlich klarer ist, welches Erlebnis wann stattgefunden hat. Aber auch hier gilt: keine wahllos erscheinenden Zeitwechsel, die verwirren. 

Welche Stimmung will ich vermitteln? 

Sachtexte kommen in unterschiedlichen Stimmungslagen daher. Sie können formal und auf die Sache beschränkt sein, bar jeglicher Emotion. Oder sie erscheinen nahbarer, weil sie informell, vielleicht sogar lässig klingen. Die Stimmung im Text hängt von dem ab, was ich beabsichtige zu tun. Will ich meine Lesenden zum Lachen bringen? Will ich sie für das Thema begeistern und packe deshalb meine eigene Begeisterung in den Text? Erzähle ich von meinen Erfahrungen und lasse so die Lesenden näher an mich ran? 
Die Stimmung im Text dürfte den Lesenden nicht zwingend auffallen, wenn alles rund läuft. Wenn ich jedoch ständig wechsle – vom persönlichen Erfahrungsbericht zu einer sachlichen Belehrung über einen technischen Aspekt, um anschliessend eine sarkastische Kritik zu liefern –, irritiere ich sie. Im schlimmsten Fall legen sie den Text weg und widmen sich anderen Dingen. 

Der Text soll als Einheit funktionieren 

Ich pflichte William Zinsser bei: Einheit ist der Anker guter Texte. Die Lesenden sollen verstehen, was ich im Text mache. Ich darf sie nicht unnötig verwirren, nur weil ich beim Schreiben und Überarbeiten die notwendigen Entscheidungen nicht getroffen habe (so anstrengend das oft ist). Es liegt an mir und meinen Entscheidungen, ob der Text auf allen Ebenen Sinn macht. Denn niemand will einen wackelnden Text lesen. 

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